TIME_NAMESPACES(7) Linux-Programmierhandbuch TIME_NAMESPACES(7)

time_namespaces - Überblick über Linux-Zeitnamensräume

Zeitnahmensräume virtualisieren die Werte von zwei Systemuhren:

  • CLOCK_MONOTONIC (und entsprechend CLOCK_MONOTONIC_COARSE und CLOCK_MONOTONIC_RAW), eine nichtsetzbare Uhr, die die monotone Zeit seit einem »nicht näher spezifizierten Zeitpunkt in der Vergangenheit« (so die POSIX-Beschreibung) darstellt.
  • CLOCK_BOOTTIME (und entsprechend CLOCK_BOOTTIME_ALARM), eine nichtsetzbare Uhr, die zu CLOCK_MONOTONIC identisch ist, abgesehen davon, dass sie auch die Zeit enthält, in der das System suspendiert ist.

Daher benutzen die Prozesse in einem Zeitnamensraum gemeinsame Werte für diese Uhren. Dies betrifft verschiedene API, die gegen diese Uhren messen, einschließlich: clock_gettime(2), clock_nanosleep(2), nanosleep(2), timer_settime(2), timerfd_settime(2) und /proc/uptime.

Derzeit kann ein Zeitnamensraum nur durch Aufruf von unshare(2) mit dem Schalter CLONE_NEWTIME erstellt werden. Dieser Aufruf erstellt einen neuen Zeitnamensraum, legt den aufrufenden Prozess aber nicht in den neuen Namensraum ab. Stattdessen werden die durch den aufrufenden Prozess nachfolgend erstellten Kinder in dem neuen Namensraum abgelegt. Dies ermöglicht das Setzen von Uhrversätzen (siehe unten) für den neuen Namensraum, bevor der erste Prozess in dem Namensraum abgelegt wird. Der symbolische Link /proc/[PID]/ns/time_for_children zeigt den Zeitnamensraum, in dem die Kindprozesse eines Prozesses erstellt werden. (Ein Prozess kann einen für diesen symbolischen Link geöffneten Dateideskriptor in einem Aufruf von setns(2) verwenden, um sich in den Namensraum zu bewegen.)

Jedem Zeitnamensraum sind Versätze zugeordnet, die in Bezug auf den anfänglichen Namensraum ausgedrückt werden, die die Werte der monotonen und Systemstartuhren in diesem Namensraum definieren. Diese Versätze werden über die Datei /proc/PID/timens_offsets offengelegt. Innerhalb dieser Datei werden Versätze als Zeilen ausgedrückt, die aus drei durch Leerzeichen getrennten Feldern bestehen:


<Uhrenkennung> <Versatzsekunden> <Versatznanosekunden>

Uhrenkennung ist eine Zeichenkette, die die Uhr definiert, deren Versatz angezeigt wird. Dieses Feld ist entweder monotonic für CLOCK_MONOTONIC oder boottime für CLOCK_BOOTTIME. Die verbleibenden Felder beschreiben den Versatz (Sekunden und Nanosekunden) für die Uhr in diesem Zeitnamensraum. Diese Versätze werden relativ zu den Uhrwerten im anfänglichen Zeitnamensraum ausgedrückt. Der Wert Versatzsekunden kann unter Berücksichtigung der nachfolgend beschriebenen Einschränkungen negativ sein; Versatznanosekunden ist ein vorzeichenloser Wert.

Im anfänglichen Zeitnamensraum ist der Inhalt der Datei timens_offsets wie folgt:


$ cat /proc/self/timens_offsets
monotonic           0         0
boottime            0         0

In einem neuen Zeitnamensraum, der keine Mitgliedsprozesse hat, kann der Uhrversatz durch Schreiben von Datensätzen (die durch Zeilenumbrüche getrennt sind) der gleichen Form in die Datei timens_offsets verändert werden. Die Datei kann mehrfach beschrieben werden, sobald aber der erste Prozess in dem Namensraum erstellt wurde oder diesem beigetreten ist, werden write(2)s in dieser Datei mit dem Fehler EACCES fehlschlagen. Um in die Datei timens_offsets zu schreiben, muss ein Prozess über die Capability CAP_SYS_TIME in dem Benutzernamenraum, dem der Zeitnamensraum gehört, verfügen.

Schreibzugriffe auf die Datei timens_offsets können mit den folgenden Fehlern fehlschlagen:

Ein Versatznanosekunden-Wert ist größer als 999.999.999.
Eine Uhrenkennung ist nicht gültig.
Der Aufrufende verfügt nicht über die Capability CAP_SYS_TIME.
Ein Wert Versatzsekunden ist außerhalb des Bereichs. Insbesondere
  • kann Versatzsekunden nicht auf einen Wert gesetzt werden, wodurch die aktuelle Zeit in der entsprechenden Uhr innerhalb des Namensraumes negativ würde, und
  • kann Versatzsekunden nicht auf einen Wert gsetzt werden, so dass die Uhr innerhalb des Namensraums die Hälfte des Wertes der entsprechenden Kernelkonstante KTIME_SEC_MAX überschreiten würde (dies begrenzt den Uhrwert auf ein Maximum von ca. 146 Jahren).

In einem neuen, durch unshare(2) erstellten Zeitnamensraum wird der Inhalt der Datei timens_offsets von dem Zeitnamensraum des erstellenden Prozesses geerbt.

Die Verwendung von Zeitnamensräumen benötigt einen Kernel, der mit der Option CONFIG_TIME_NS konfiguriert wurde.

Beachten Sie, dass Zeitnamensräume nicht die Uhr CLOCK_REALTIME virtualisieren. Die Virtualisierung dieser Uhr wurde aus Komplexitäts- und Gesamtaufwandsgründen im Kernel vermieden.

Zur Kompatibilität mit der ursprünglichen Implementierung kann der numerische Wert der Kennung statt der oben dargestellten symbolischen Namen geschrieben werden, wenn eine Uhrenkennung in die Datei /proc/[PID]/timens_offsets geschrieben wird; d.h. 1 statt monotonic und 7 statt boottime. Aus Lesbarkeitsgründen wird die Verwendung der symbolischen Namen gegenüber den nummerischen Werten bevorzugt.

Die Motivation für das Hinzufügen von Zeitnamensräumen war es, monotonen und Systemstart-Uhren zu erlauben, über Container-Migrationen und Checkpoint-/Wiederherstellungsaktionen hinweg konsistente Werte beizubehalten.

Die folgende Shell-Sitzung zeigt die Aktionen eines Zeitnamensraumes. Wir beginnen mit der Anzeige der Inode-Nummer eines Zeitnamensraumes einer Shell in dem anfänglichen Zeitnamensraum:


$ readlink /proc/$$/ns/time
time:[4026531834]

Weiter im anfänglichen Zeitnamensraum zeigen wir die Systemlaufzeit mittels uptime(1) und verwenden das in clock_getres(2) gezeigte Beispielprogramm clock_times, um die Werte der verschiedenen Uhren anzuzeigen:


$ uptime --pretty
up 21 hours, 17 minutes
$ ./clock_times
CLOCK_REALTIME : 1585989401.971 (18356 days +  8h 36m 41s)
CLOCK_TAI      : 1585989438.972 (18356 days +  8h 37m 18s)
CLOCK_MONOTONIC:      56338.247 (15h 38m 58s)
CLOCK_BOOTTIME :      76633.544 (21h 17m 13s)

Dann verwenden wir unshare(1), um einen Zeitnamensraum zu erstellen und eine bash(1)-Shell auszuführen. Von der neuen Shell verwenden wir den eingebauten Befehl echo, um Datensätze in die Datei timens_offsets zu schreiben und den Versatz für die Uhr CLOCK_MONOTONIC auf 2 Tage und den Versatz für die Uhr CLOCK_BOOTTIME 7 Tage vorwärts zu stellen:


$ PS1="ns2# " sudo unshare -T -- bash --norc
ns2# echo "monotonic $((2*24*60*60)) 0" > /proc/$$/timens_offsets
ns2# echo "boottime  $((7*24*60*60)) 0" > /proc/$$/timens_offsets

Oben haben wir die bash(1)-Shell mit den Optionen --norc gestartet, so dass keine Start-Skripte ausgeführt wurden. Damit wird sichergestellt, dass keine Kindprozesse von der Shell erstellt werden, bevor wir die Möglichkeit hatten, die Datei timens_offsets zu aktualisieren.

Dann verwenden wir cat(1), um die Inhalte der Datei timens_offsets anzuzeigen. Die Ausführung von cat(1) erstellt den ersten Prozess in dem neuen Zeitnamensraum, nachdem weitere Versuche, die Datei timens_offsets zu aktualisieren, zu Fehlern führen.


ns2# cat /proc/$$/timens_offsets
monotonic      172800         0
boottime       604800         0
ns2# echo "boottime $((9*24*60*60)) 0" > /proc/$$/timens_offsets
bash: echo: write error: Permission denied

Weiter in dem neuen Namensraum führen wir uptime(1) und das Beispielprogramm clock_times aus:


ns2# uptime --pretty
up 1 week, 21 hours, 18 minutes
ns2# ./clock_times
CLOCK_REALTIME : 1585989457.056 (18356 days +  8h 37m 37s)
CLOCK_TAI      : 1585989494.057 (18356 days +  8h 38m 14s)
CLOCK_MONOTONIC:     229193.332 (2 days + 15h 39m 53s)
CLOCK_BOOTTIME :     681488.629 (7 days + 21h 18m  8s)

Von der obigen Ausgabe können wir sehen, dass die monotone und die Systemstart-Uhr verschiedene Werte in dem neuen Zeitnamensraum haben.

Durch Untersuchen der symbolischen Links /proc/[PID]/ns/time und /proc/[PID]/ns/time_for_children sehen wir, das die Shell ein Mitglied des anfänglichen Zeitnamensraums ist, aber ihre Kindprozesse in dem neuen Namensraum erstellt werden.


ns2# readlink /proc/$$/ns/time
time:[4026531834]
ns2# readlink /proc/$$/ns/time_for_children
time:[4026532900]
ns2# readlink /proc/self/ns/time   # Erstellt einen Kindprozess
time:[4026532900]

Kehren wir zu der Shell in dem anfänglichen Zeitnamensraum zurück, dann sehen wir, dass die monotone und die Systemstart-Uhr von den Änderungen in timens_offsets, die in dem anderen Zeitnamensraum erfolgten, nicht betroffen ist:


$ uptime --pretty
up 21 hours, 19 minutes
$ ./clock_times
CLOCK_REALTIME : 1585989401.971 (18356 days +  8h 38m 51s)
CLOCK_TAI      : 1585989438.972 (18356 days +  8h 39m 28s)
CLOCK_MONOTONIC:      56338.247 (15h 41m  8s)
CLOCK_BOOTTIME :      76633.544 (21h 19m 23s)

nsenter(1), unshare(1), clock_settime(2), setns(2), unshare(2), namespaces(7), time(7)

Diese Seite ist Teil der Veröffentlichung 5.13 des Projekts Linux-man-pages. Eine Beschreibung des Projekts, Informationen, wie Fehler gemeldet werden können sowie die aktuelle Version dieser Seite finden sich unter https://www.kernel.org/doc/man-pages/.

ÜBERSETZUNG

Die deutsche Übersetzung dieser Handbuchseite wurde von Helge Kreutzmann <debian@helgefjell.de> erstellt.

Diese Übersetzung ist Freie Dokumentation; lesen Sie die GNU General Public License Version 3 oder neuer bezüglich der Copyright-Bedingungen. Es wird KEINE HAFTUNG übernommen.

Wenn Sie Fehler in der Übersetzung dieser Handbuchseite finden, schicken Sie bitte eine E-Mail an die Mailingliste der Übersetzer.

22. März 2021 Linux